Seo, der Söldner

Zu einer Zeit, da die Menschen nichts mehr fürchteten als von Räubern mit schartigen Messern niedergemetzelt zu werden, erzählten die Dorfältesten überall im Land die Geschichte von Seo, dem Söldner. Während die Eltern auf dem Feld oder in der Werkstatt ihr Tagwerk vollbrachten, saßen die Jungen und Mädchen, die noch nicht alt genug waren, um mit ihrer Hände Arbeit zum Einkommen beizutragen, auf dem Dorfplatz und lauschten gebannt den Worten der weisen Frauen und Männer. Sie hatten die Geschichte von ihren Eltern und Großeltern gehört, die wiederum von ihren Vorfahren. Und obwohl schon eine halbe Ewigkeit vergangen war, gehört Seo immer noch zu den Helden im Land, das von Königin Googela in eine neue Ära geführt wurde.

Googela war das einzige Kind des Königs und musste nach dessen Tod schon früh lernen, ein ganzes Reich zu beherrschen. Die Verspieltheit eines jungen Mädchens und der Wunsch, alles möge nur zu ihrem Gefallen geschehen, waren Charaktereigenschaften, die es den Untertanen nicht leicht machten. Wer die Gunst der Königin verlor, wurde verbannt. An den Rand des Reiches, der von den Menschen als Sandkasten gefürchtet wurde. Steine und Sand ließen den Verstoßenen kaum eine Chance, eine neue Existenz anzubauen. Wenige schafften es und warnten alle und jeden davor, jemals die Königin zu verärgern.

Eines Tages, als es Googela zu langweilig wurde, ersann sie ein Spiel. Jedes Dorf sollte sich etwas einfallen lassen, um die Königin zu erfreuen. Möglichst so, dass überall im Land darüber geredet wird. Sie ließ ihre Hofmaler eine große Tafel anfertigen und Schilder mit den Namen der Dörfer. In welcher Reihenfolge die Dörfer auf der Tafel angebracht wurden, entschied ganz alleine Googela. Wer sich besonders viel Mühe gab, sollte ganz oben stehen. Die Dörfer, die in ihren Augen versagten, landeten ganz unten. „Ranking“ nannte sie das System. Die Idee dazu kam ihr beim Blick auf das Efeu, das an ihrer Burg rankte. Nur die kräftigen Pflanzen schafften es bis zur höchsten Turmspitze. Doch es war nicht nur ein Spiel: Die Steuer wurde nach dem Rang auf der Tafel festgelegt. Wer auf den unteren Plätzen landete, dem blieb kaum genug zum Leben.

Um nicht selbst durch das Land reisen und sich mit dem niederen Volk abgeben zu müssen, ernannte sie Boten. Sie sollten sich in den Dörfern umsehen und hören, was über die Anstrengungen anderer Dörfer erzählt wurde, um ihr dann später Bericht erstatten zu können. Wie viele dieser Boten es gab, wussten nur wenige. Sie wurden von der Königin als Bots bezeichnet – eine ihrer kleinen Wortspielereien. So machten sich die Dörfer ans Werk, der Königin zu gefallen, und die Bots auf die Reise. Sie berichteten Googela von Holzfiguren, die das Antlitz der Majestät zeigen, von prächtigen Gärten, von Gemeindehäusern zu Ehren der Königin. Die reichen Dörfer übertrumpften die armen und standen im Ranking sehr schnell vorne. Das ärmste Dorf, Pegusia, hatte es gerade einmal geschafft, eine Strohpuppe zu basteln. Niemand in den umliegenden Gemeinden hatte etwas davon mitbekommen oder darüber erzählt. So fiel auch der Bericht der Bots sehr mager aus und die Strafe folgte in Form des Zweiten, der höchsten Steuer, die je bezahlt werden musste.

So vergingen Wochen und Monate. Pegusia, gebeutelt von der Steuer, blieb auf dem letzten Platz. Da bot ein Mann seine Hilfe an. Sein Name war Seo. Er arbeitete als Söldner. „Wir haben doch gar nichts, was wir Dir bieten könnten“, waren die Menschen verunsichert. Sie fürchteten den Mann, der das Spiel von Googela für sie gewinnen wollte. „Ich nehme die Hälfte von dem, was Ihr weniger an Steuer zahlen müsst“, lautete sein Angebot, „Ihr könnt also nichts verlieren, müsst aber meinen Anweisungen folgen.“ Die Menschen von Pegusia ließen sich auf den Handel ein.

Schon am nächsten Tag rief Seo alle Dorfbewohner zusammen. „Bindet bunte Stofffetzen an die Bäume, Hecken und Häuser. Überall sollen sie zu sehen sein.“ Die Älteren waren erzürnt: „Wir vertrauen einem Wahnsinnigen, einem Querdenker. Was sollen uns bunte Fetzen helfen?“ Seo wartete ab, bis sich die Menge beruhigte. Er wusste, dass es schwer sein würde. Der Söldner blickte den Aufrührern tief in die Augen. „Habt Ihr eine bessere Idee? Wo steht Ihr denn jetzt? Ganz am Abgrund. Also fangt an oder jagt mich aus dem Dorf.“ Drei Stunden später flatterten überall bunte Fetzen, besonders an den Wegen, die zum Dorf führten. Reisende erzählten davon, in den anderen Dörfern lachte man über Pegusia ob der Lumpen im Gestrüpp. Die Bots spitzten ihre Ohren und machten sich ein Bild von dem farbenfroh geschmückten Bäumen und Häusern: „Majestät, Pegusia ist in aller Munde.“ Googela nahm die Tafel mit dem Namen des Dorfes und setzte sie zwei Positionen nach oben. Die gute Nachricht erreichte Pegusia schon am nächsten Tag.

Seo hatte viele Ideen und die anfänglichen Zweifel verflogen langsam. Er ließ die Kinder ein Lied singen. Ein Lied zu Ehren von Googela. Damit alle es hörten, luden die Dorfbewohner die Nachbarn ein und schlachteten für das Fest zwei Schweine. Die nächsten Wochen hörte man überall nur von dem Gelage und dem Lied. Das entging auch den Bots nicht. Pegusia war plötzlich nicht mehr das kleine Dorf, das niemanden interessierte, sondern stieg Platz für Platz im Ranking. Auch die neuen Wegweiser, die Seo von den Handwerkern aus Pegusia in den anderen Orten aufstellen und bezahlen ließ, verfehlten ihre Wirkung nicht.

Die Konkurrenz merkte alsbald, dass sie mehr unternehmen musste. Auch sie stellten Hinweisschilder auf, luden zu Spielen und Feiern. Es war ein steter Wettstreit, der von vielen fair geführt wurde, wenngleich es um die Steuer ging. Seo, der Söldner, war dabei vielen ein Vorbild. Hatte er es doch geschafft, Pegusia aus der Bedeutungslosigkeit zu reißen.

Einigen Dörfern ging es nicht schnell genug, näher an die Spitze von Googelas Ranking zu kommen. Sie versuchten mit aller Gewalt, von sich Reden zu machen. Das gelang ihnen auch, aber nicht mit dem erhofften Erfolg. Sie schickten Artisten aus dem weit entfernten Königreich Spamburia in die übrigen Dörfer. Nur gefiel es den Menschen schon nach kurzer Zeit nicht mehr, wenn Clowns mit gekochten Schinken jonglierten und sie jeden Tag von der Arbeit abhielten. Als sich dann auch noch herausstellte, dass die Spamburianer die Dörfer beraubten, hörten die Bots nur noch Schlechtes über den Ort, der die Artisten beauftragt hatte. Googela war empört und schickte alle Bewohner des Dorfes in den Sandkasten – eine schlimmere Strafe als die hohe Steuer.

Das Ranking und die täglichen Berichte ihrer Bots machten der Königin Spaß. Sie erheiterte es, wie sehr sich die Dörfer bemühten. Das sollte belohnt werden. Die Steuer wurde nicht mehr davon abhängig gemacht, an welcher Stelle ein Dorf stand, sondern war für alle gleich. Der Sandkasten als Strafe für unfaires Spiel blieb. Als der königliche Beschluss in den Dörfern verlesen wurde, hallte ein Jubelschrei über das gesamte Land. Seo, der Söldner war inzwischen ein gefragter Mann. Er half vielen Dörfern, sich im Ranking von Googela zu verbessern. Schließlich brachte ein guter Platz mehr Besucher und damit mehr Geld für das Dorf.

„Ihr seht, Seo hat uns auf den richtigen Weg gebracht und viele Dörfer von der Last hoher Steuern befreit“, schlossen die Dorfältesten die Geschichte von Seo, dem Söldner. Auf die Frage, wie er es denn angestellt hat, antworteten sie mit einem Lächeln: „Das weiß keiner. Seine Strategie hat er niemandem verraten, sondern immer nur wenige Hinweise gegeben. Sie werden von seinen Schülern wie ein Schatz gehütet und von Generation zu Generation weitergegeben.“

35 Gedanken zu „Seo, der Söldner“

  1. Hey, das gefällt mir, schöne Geschichte. Darf nur nicht zu sehr drüber nachdenken, sonst fällt mir auch noch was ein – und zum Schreiben von mehr als dem ein oder anderen Kommentar fehlt die Zeit :)
    Aber das Umlaut-Plugin für Wordpress solltest du schon mal installieren, Gerald…

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  3. Tolle Geschichte, kompliment!

    Wenn das heute auch noch so einfach wäre. Einfach Stoffetzen aufhängen und die Hälfte des Gewinnes einsacken ;-)

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