Es ist einer jener Sätze, die selbst hartgesottenen Männern Freudentränen in die Augenwinkel treiben: „Papa, nimmste mich mit auf die Baustelle?“ Da steht sie, die kleine Eva und schaut erwartungsvoll ihren Papa an. Vati kontrolliert derweil das Haltbarkeitsdatum des Pils. Könnte ja sein, dass faulende Hefekulturen seine Sinne trüben. „Wat, Mädchen? Du mit deinem alten Herrn auf die Baustelle?“, fragt Papa Horst vorsichtig und gleichsam überglücklich. Wenn schon Sohn Kurti nicht in seine Fußstapfen tritt, vielleicht klappt es ja mit Eva. „Sag ich doch, Papa. Is ne coole Location, so mit Bagger und Sandberg.“ Horst springt auf und ruft Richtung Küche: „Mutti, wir haben alles richtig gemacht. Hol mal den rosa Helm aus´m Schrank. Unsere Kleine wird Baggerfahrerin.“

Dann gibt es Sätze, auf die Papa Horst ein zweites Pils braucht. „Nee. Ich arbeite doch nicht aufm Bau. Da versaue ich mir ja die Nägel. Ich werde Influencerin.“ Eva schüttelt den Kopf und macht Selfie Nummer 47 seit dem Mittagessen. 48 und 49 folgen. Währenddessen stürmt Mutter Gerda aus der Küche. „Mädchen, bei wem hast Du Dich denn angesteckt. Influenza? Hast Du Fieber? Sollen wir zum Arzt?“ Klein Eva rollt mit den Augen und Papa Horst reißt es zum zweiten Mal aus dem Sessel. „Sach mal, spinnst Du? Willst Du meine Kollegen krank machen? Bogdan hat schon Schnupfen und der Karl-Heinz röchelt auch so komisch.“

„In-flu-en-cer“, buchstabiert Eva. „Ich will Influencerin werden.“ Horst und Gerda gucken sich an. Dann scheint der Groschen beim Papa zu fallen. Und das, was ihm da durch den Kopf geht, gefällt ihm gar nicht. Sein Kopf hat die Farbe vom roten T-Shirt angenommen. „Fang mich bloß nich an wie der Sascha vom Kegelclub.“ Vater redet sich in Rage. „Für ein paar Euro Influenza-Medikamente testen und danach wächst Dir ein Horn auf der Stirn oder Dir läuft rosa Glibber aus der Nase.“ Da schüttelt es selbst Mutter Gerda. „Mädchen, da lass mal schön die Finger von. Du bist doch so hübsch.“

Die leicht gereizte Stimmlage der Mutter und die Tatsache, dass Papa am dritten Bier nestelt, lässt Eva das Smartphone zur Seite legen. Zeit für ein paar klärende Worte. „Als Influencerin mache ich Fotos und Videos und zeig die dann im Internet.“ Die Bierflasche landet (glücklicherweise ungeöffnet) auf dem Teppich und Vater fast an der Decke. „Himmelherrgott. Womit habe ich das verdient?“ Auch die Mama ist schockiert. „Fotos und Videos im Internet“, murmelt sie. Das hat gesessen.

Klein Eva hätte vielleicht ein wenig warten sollen, ehe sie weiter ausholt. Sie erklärt, dass sie auf den Bildern hübsche Klamotten und ein Super-Make-up zeigt und dafür bezahlt wird, weil hunderte Follower die Fotos anklicken, auf denen sie schöne Sachen zeigt. Das ist dann doch zu viel für Papa. „Aufgetakelt wie ne Puffmutti und das im Internet. Was sollen die Nachbarn denken?“ Zwei Schluck aus der Pulle und er legt nach: „Die Linda von gegenüber, die hat auch so Fotos von sich gemacht. Zwei davon hat Bogdan neben sich auf dem Bett liegen.“ Bevor der Papa wedelnde Palmen ins Spiel bringt, unterbricht die Mutti: „Willst Du nicht lieber was Ordentliches lernen?“

Das Töchterchen ist genervt. „Ihr habt doch keine Ahnung von Dagi Bee und so. Die verdienen richtig Kohle.“ Vater Horst krallt sich im Sessel fest. „Bienchen und Blümchen. Junge Frau, jetzt reichts. Das hat Deine Mama Dir ausführlich erklärt.“ Es klatscht – und zwar Evas Hand auf ihre Stirn „Dagi Bee, Papa. Die und die Lochis und BibisBeautyPalace sind meine großen Vorbilder.“

Endlich etwas, das Mutter Gerda versteht: Beauty-Palace. „Horst, reg Dich nicht auf. Eva will so was machen wie die Jaqueline. Nägel und so.“ Papas Blutdruck bewegt sich ein wenig Richtung hochnormal. „Ach so, da musste schicke Klamotten und Make-up haben. Stimmt. Kannste Mutti später die Haare machen. Die 30 Euro sparen wir uns dann.“

Da Horst und Gerda immer noch auf der Leitung stehen, schnappt sich Eva ihr Handy. Erst ein Selfie, dann Papa und Mama Instagram zeigen. Das Profil einer Influencerin, was sonst. „Damit werde ich reich“, sagts und hält den Eltern Bilder der Kategorie „schaut her, ich zeige Euch ganz unauffällig meine Uhr, die irgendwie auf meiner neuen Dose Proteinpulver neben dem Super-T-Shirt gelandet ist“. Papa starrt auf das Model im Bikini. Mama fragt sich, wie teuer die Gesichtspflege der jungen Frau ist und wo sie die neue Creme bestellen kann. Eva ruft derweil ein paar YouTube-Videos auf, in denen im Brustton der Überzeugung und im Schatten des Werbehinweises die Vorteile einer linksseitig rotierenden Gesichtsbürste mit pinken Pudernoppen erklärt werden.

„Damit kann man Geld verdienen?“ Für Papa ist das zu hoch. „Und warum willste dann mit mir auf die Baustelle?“ „Weil man da spitzenmäßige Fotos machen kann. Das hat nicht jeder.“ Evas Finger fliegen über das Display ihres Smartphones. „Guck mal, das ist mein Profil. 27 Follower. Sogar der Martin aus der Klasse über mir und Dein Kollege Bogdan folgen mir.“ Eva hält Papa und Mama die Bilder unter die Nase. „Nächste Woche lade ich mein erstes Video hoch. Ich dachte da an ein Tutorial, wie man die Gummistiefel putzt, wenn man den Papa auf der Baustelle besucht hat.“ Das gefällt dem Vater. Und Mama will sogar helfen, mit einem neuen Schwammtuch. Wäre doch peinlich, wenn die Tochter im Video mit Papas alten Unterhemden die Stiefel putzt.

Bogdan machte am nächsten Tag übrigens Bekanntschaft mit der Faust von Papa Horst, damit ja kein Foto vom Töchterchen auf dem Nachttisch landet. Immerhin: Der Schnupfen war weg. Und Mutter Gerda holte die alte Super-8-Kamera aus dem Keller. Ein Video, wie man Geranien auf dem Balkon umtopft, bringt bestimmt ein paar Euro. Damit sind gleich zwei neue Sterne am Influencer-Himmel: Bagger-Eva (der Name sorgte später ab und an für Missverständnisse) und Blümchen-Gerda.

Hinweis: Mit wenigen, bewusst gewählten Ausnahmen, entspringen alle Namen dem Reich der Fantasie. Die Genannten mögen es verzeihen, dass sie helfen sollen, Eltern wie Horst und Gerda das neue „Berufsbild“ der Influencerin zu erklären.

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