Alptraum eines Seo

August 11, 2009 by  
Filed under SEO, Unterhaltung

Eine arbeitsreiche Nacht neigt sich dem Ende zu. Es ist 4.26 Uhr. Siegmund K., Suchmaschinenoptimierer, Hobby-Affiliate und Streichholzschiffsmodellbauer, macht Feierabend. Er schaltet die drei 21-Zoll-Monitore, den Rechner, das Notebook und die Stromsparleiste ab, leert den Mülleimer mit 21 Kaffeepads und zwei Beuteln Kräuter-Tee „Kirscharoma“, schlüpft in seinen bequemen Nickischlafanzug und legt sich vorsichtig neben seine leise schnarchende Frau. Geschätzte 237 Schäfchen später kommt das Sandmännchen und Siegmund schläft den Schlaf der Gerechten.

„Tagchen Siggi, ich darf doch Siggi sagen, ich bin Leo, Leo Spamkoviak.“ Siegmund weiß gar nicht wie ihm geschieht. Er sieht sich um und sitzt inmitten eines wahren Plüsch- und Glitter-Rausches, beleuchtet von einigen mit roten Tüchern verhangenen Sparbirnen. Er nimmt die Visitenkarte, auf der neben dem Namen und einer Handynummer nur Lude, Lebemann und handschriftlich daneben Financier steht. „Freut mich, dass Du Zeit hast.“ Leo, das Hemd vier Knöpfe weit offen, drei Goldkettchen um den Hals, mit sechs Ringen an den Fingern und vier sichtbaren Goldzähnen, plappert munter weiter. „Hab´ Dir ja schon gesagt, worum es geht. Sollst dafür sorgen, dass die Leute wie verrückt auf meine Seite klicken. Papa braucht neue Puschen, verstehst schon. Viel haste da nicht mehr zu tun. Habe ordentlich vorgearbeitet.“

Der Seo fragt vorsichtig: „Was ist das denn für eine Seite?“ Leo setzt sich hin und erzählt: „Nachdem mein Kredit-Außendienstmitarbeiter jetzt gesiebte Luft atmet, ist die Privatkreditsparte etwas ins Stocken geraten. Dabei hat Ivan dem Kunden nur die Hand geschüttelt. Dass dabei zwei Finger brechen, kann ja mal passieren.“ Zum unguten Gefühl in Siegmunds Magengegend gesellt sich langsam ein Kloß im Hals. Spamkoviak bemerkt die Schweißperlen auf der Stirn seines Gastes gar nicht. Er ist ganz in seinem Element. „Jetzt will ich umsatteln auf Internet. Irgendwie muss der Rubel ja rollen. Adresse habe ich. Leos Kreditstüberl Punkt de. Das weckt Vertrauen, das ist wichtig bei Krediten.“

Siegmunds Hirn würde am liebsten auf lautes Lachen schalten. Die Angst, nachher mit Gips am Finger im Krankenhaus aufzuwachen, überwiegt aber. „Sie wollen also Kredite vermitteln?“, hakt der Seo nach. „Kannst ruhig Du sagen, sind ja quasi Partner. So ist das. In Krediten hat schon mein Alter gemacht. Aber die Geschäfte laufen nicht so gut. Da muss man mit der Zeit gehen und aufs Internet setzen. Aber wem erzähle ich das.“ Leo grinst breit. „Du bist schließlich der Profi. Ich habe die Adresse, Texte und das Design. Alles für ein paar Euro. Die Leute wissen gar anscheinend gar nicht, was ihnen da für Schnäppchen durch die Lappen gehen.“ In Siegmunds Kopf dreht sich derweil alles nur darum, ob der Beitrag für die Lebensversicherung gezahlt ist.

„Dann erzähl mal, was Du alles hast“, bittet Siegmund mit zittriger Stimme. Leo lehnt sich zurück, lässt einen fahren – „entschuldige, aber hier muss alles raus, was keine Miete zahlt“ – und sagt: „Erst mal habe ich einen Texter angerufen. Der erzählt mir einen vom Pferd und unique Content. Dem habe ich was gehustet. Unique brauch´ ich nicht. Habe hier schon ´ne Monique und die gehört nicht gerade zu den besten Pferden im Stall, wenn Du weißt, was ich meine. Als ich dem erkläre, ich will einfach nur ein paar Kredittexte und wissen, was das kostet, kommt der mir mit irgendwas von ein paar Euro pro so und so viel Zeichen. Der tickt wohl.“ Leo haut sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Die Texte habe ich dann ersteigert. Komplettes Kreditprojekt, nur ein Euro. Hat wohl kein anderer gefunden. Sonst wär‘ das bestimmt teurer geworden. Dazu noch ein hübsches Flash-Layout für einen Euro – da war ich mal wieder ein echter Glückspilz – und fertig ist die Seite.“

Leo Spamkoviak schnappt sich sein Notebook und während das Betriebssystem hochfährt, erklärt er in aller Seelenruhe: „Hat dann alles der Junge von unserer Chantal hier fertig gemacht. Dafür darf er mal in der Umkleide spicken – sag das bloß nicht der Mama, das gibt sonst mächtig Ärger. Die Seite ist richtig gut geworden. Schön bunt, alles animiert. Da klicken die fast wie von selbst.“ Als Leo sein Notebook so dreht, dass auch Siegmund etwas sehen kann, steht der Seo schon nach wenigen Sekunden kurz vor einem epileptischen Anfall. Flash in Reinkultur, Neonfarben und in 72 Punkt Lettern ständig blinkend „Kredit hier abschließen. Gut und günstig.“ „Das fetzt, was?“, ist Leo begeistert, „alles für weniger als zehn Euro. Internet ist schon klasse.“

Mit vom Farbgewirr tränenden Augen überlegt Siegmund, wie er möglichst diplomatisch erklären kann, dass die Seite Schrott ist. Da unterbricht Lude Leo seinen Gedankengang. „So, Siggi, Du sollst jetzt massig Besucher auf die Seite bringen. Irgendwie mit Google und so. Ich denk mal, in einer Woche brummt der Counter. Ist bei der Seite doch ein Klacks. Mehr als einen Fuffi und vielleicht ein Fläschchen französische Prickelbrause kann das doch nicht kosten, oder?“ Das Goldzahn-leuchtende Grinsen von Leo zeigt, dass er in Gedanken schon die Kontoauszüge überprüft und auf hohe Provisionen hofft. „Ich gehe mal von so 100 Abschlüssen die Woche aus“, rechnet Leo grob vor, „bald sind Ferien und irgendwie muss ich den Laden ja am Laufen halten.“

Siegmund verspürt nur noch den Drang, zu schreien. Als er eine warme Hand an seiner Wange spürt, öffnet er die Augen und sieht seine Frau. „Wer zum Teufel sind Chantal und Monique? Und wieso schreist Du im Schlaf? Hast Du wieder zu viel von dem Grauburgunder getrunken? Ich habe Dir doch gesagt, Du sollst abends die Finger vom Alkohol lassen. Übrigens: Heute Nachmittag hat ein Leo Spamkoviak angerufen. Ganz netter Typ. Der hat einen Auftrag für Dich.“

Comments

17 Responses to “Alptraum eines Seo”
  1. Wirklich Klasse!!! Mach doch eine Serie drauß!

  2. Mißfeldt sagt:

    Wuahh, super. „Alles, was nicht Miete zahlt, muss raus!“ …
    Bin mehrfach vor Lachen vom Stuhl gefallen…
    Danke, Martin

  3. Uli sagt:

    Klasse! Linkbait 😛

  4. Dom sagt:

    Klasse Geschichte, mach ne Serie und n Buch draus 🙂

  5. Badratgeber sagt:

    Geile Geschichte, aber nach so einem Traum würde ich wohl kaum den Auftrag annehmen wollen 😀 Aber vorallem der Name Spamkoviak gefällt mir extrem gut, echt klasse Geschichte xD

  6. Timm sagt:

    Ich könnte schwören, dass ich so etwas ähnliches schon mal geträumt haben 🙂

  7. Christoph sagt:

    Absolut geile Geschicht!

    Danke und bringt bitte noch mehr… immer wieder Unterhaltsam 🙂

    Gruß
    Christoph

  8. Lustig wirklich…aber erschreckend, das gibts wirklich. Ich hatte mal ein Projekt von einer Firma, die mit wenig bekleideten Damen zu tun hatte. Da haben sich Abgründe aufgetan. Der Kunde ist ja König, sei er noch so stur 😐

  9. SEO Scene sagt:

    Alptraum? Ich erleb das tagtäglich 😉 Wobei, so schlecht war Monique nun auch nicht…

  10. Frank sagt:

    … sehr geil geschrieben, da hab ich das Grinsen kaum aus´m Gesicht bekommen – hatte neulich auch so nen Kandidaten, tatsächlich auch die gleiche Branche, glücklicherweise im real life aber weit weg von mir & damit easy abwimmelbar 😉

  11. SEOJobboerse sagt:

    Wirklich gelungene Geschichte! In etwas abgeschwächterer Form doch leider mehr Realität, als einem liebt ist. Habe letztens ein Page für jemand designt. Es ging erstmal nur ums Layout ohne offpage SEO. Der Kunde fragte dann ein paar Tage später, warum er mit XYZ nicht ganz oben steht!? Es fehlt einfach oft das Verständnis für die Sache. Aber das kann man selbstverständlich nicht wirklich voraussetzen.

  12. Martin sagt:

    Etwas überzogen aber offensichtlich nicht nur mir irgendwie bekannt. Bei einem der letzten Aufträge sollte die Seite mit dem Wort „Jeans“ auf Platz 1 bei Google. Werbebuget: „hmmm ja 50 Euro im Monat mehr sollte das nicht kosten…“

  13. Benjamin sagt:

    Danke für das Schmankerl, an diesem frühen Morgen 🙂

  14. Oliver sagt:

    Wie bekommt man netzt bloß das Grinsen wieder weg?
    Tolle Geschichte! 😉

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