Seo Jones und das Bermuda-Dreieck
Januar 2, 2010 by Andre Massmann
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Irgendwo in Transsilvanien auf einem verlassenen Gutshof, fernab jeder Zivilisation: Auf dem Hof tuckern vier Generatoren. Entlang der Mauern stehen sieben mannshohe Satellitenschüsseln. Im ehemaligen Speisesaal läuft eine junge Frau mit schwarzen, nur wenigen Millimeter langen Haaren auf und ab. Das Top mit Spaghettiträgern und der Minirock mit seitlichem Schlitz lassen der Phantasie nicht mehr viel Raum. Der Widerhall des Stakkatos ihrer Pumps übertönt das Summen der Rechner und Monitore, die den Raum in ein bizarres Licht tauchen. Die Frau nimmt ihr Funktelefon und wählt.
Im Büro von Seo Jones klingelte das Handy. „Ja, wer stört?“, meldete sich der Linkologe. Am anderen Ende der Leitung hörte er ein Lachen. „Ich habe schon gehört, dass Sie ein kleiner Morgenmuffel sind. Mein Name ist Gerlind vom Berg, die Schwester von Gandolf vom Berg. Erinnern Sie sich?“ Der Professor musste nicht lange überlegen. Er würde nie vergessen, wie dieser Mann starb. „Gut, Sie wissen es also. Dann hören Sie gut zu. Ich will Rache. In 36 Stunden ist es soweit. Dann stürzt die Welt ins Chaos. Sie haben zwei Möglichkeiten: Sie spielen wieder den Retter in der Not und sterben. Oder Sie lassen den Dingen ihren Lauf und sehen zu, wie der Planet in seinen Grundfesten erschüttert wird.“ Seo Jones blieb nicht viel Zeit zum Überlegen. Gerlind vom Berg ließ ihm keine Gelegenheit dazu: „Sehen Sie sich in einer Stunde Ihre Links an. Damit das Spiel nicht zu langweilig wird, hier ein Tipp: das Bermuda-Kreuz. Mehr sage ich nicht. Wir sehen uns – vielleicht.“
Nachdem Gerlind vom Berg aufgelegt hatte, startete Seo Jones seinen PC. Selbst in den Spezialdatenbanken des linkologischen Institutes fand er keinen Hinweis auf das Bermuda-Kreuz. Er musste also wieder in die Bibliothek und dort suchen. „Ich bin die nächste Zeit nicht zu erreichen“, sagte er seiner Assistentin Anna Lytics und ging. Exakt nach einer Stunde kam er zurück und schaute auf die Links in seinen Regalen und Vitrinen. Einige von ihnen hatten ihren Glanz verloren und schienen matt. Nach und nach vollzog sich dieser Wandel überall in seinem Büro. Wenig später klingelte wieder das Telefon. „Viel Erfolg, Mr. Jones.“
34 Stunden und 26 Minuten noch – wenn Gerlind vom Berg die Wahrheit sagte. Nach einer scheinbar unendlichen Blätterei in hunderten Büchern hatte Seo Jones endlich gefunden, wonach er suchte. „Das Bermuda-Kreuz ist aus der Zeit, da Gut und Böse um die Vorherrschaft auf der Welt kämpften. Vier Links des Teufels markierten die Ecken des Kreuzes. In der Mitte leuchtete 36 Stunden später das Licht der Macht. Das Gute gewann und die Teufel-Links verschwanden spurlos. Sie konnten nur durch geweihtes Wasser entmachtet werden, gleichzeitig, nicht einzeln für sich. Für das Licht der Macht ist ein jungfräulicher Link nötig, der es in einen Funkenschweif verwandelt.“ Zusätzlich zu diesen Informationen waren lediglich vier Koordinaten genannt. Sie sie zu entschlüsseln, würde dauern. Gerlind vom Berg hatte einen enormen Vorsprung.
Gemeinsam mit Historikern, Geologen und Geographen fand Seo Jones heraus, wo die vier Links des Teufels platziert sind. Doch ihm blieben nur knapp 30 Stunden. Sehr wenig Zeit, zumal die Links rund um den Globus verteilt waren und das Ritual gleichzeitig vollzogen werden musste. Er rief vier Linkologen an – Sistrix, Gretus, Mediadonis und Fridaynite – und bat sie um Hilfe. Er selbst würde in die Mitte des Kreuzes reisen, ins berüchtigte Bermuda-Dreieck. Irgendwo auf See befand sich der Schnittpunkt der vier Ecken. Dort, wo seit Jahrhunderten Schiffe und Flugzeuge verschwinden. Das Licht der Macht schien dort vor Ewigkeiten das Raum-Zeit-Kontinuum verschoben zu haben.
Der Flug mit dem Privatjet eines Sponsors der Universität dauerte nicht lange. Umso schwerer war es für Seo Jones einen Kapitän zu finden, der sein Schiff mitten ins Bermuda-Dreieck steuert. Es würde knapp. Die Meldungen über Links, deren Macht auf unerklärliche Weise erloschen war, mehrten sich. In wenigen Stunden gäbe es einfach nur noch Links ohne jede Bedeutung. Zwischendurch stimmte sich der Linkologe immer wieder mit seinen vier Freunden ab. Sie hatten ohne lange zu überlegen zugestimmt, ihm zu helfen. Jeder von ihnen reiste mit einer Phiole voller Weihwasser im Gepäck.
„Wenn die Koordinaten stimmen, bin ich in einer Stunde dort“, erklärte Sistrix. Die übrigen Experten hatten es ebenfalls beinahe geschafft. Gretus meldete kurz: „Sitze im Wagen. Es sind nur noch wenige Kilometer.“ Der Dritte im Bunde, Mediadonis, war schon weiter und stand vor dem ersten Link des Teufels. „Erschreckt Euch nicht. Vermutlich liegt auch bei Euch eine verkohlte Leiche neben dem Link. Man sollte sich halt nicht mit dem Beelzebub anlegen.“ Nach 20 Minuten kam endlich die Rückmeldung von Fridaynite. „Entschuldige, Seo. Der Zoll hat mir das geweihte Wasser abgenommen. Ich musste erst einen Geistlichen finden. Jetzt bin ich kurz vorm Ziel.“ Seo Jones befand sich bereits auf dem Meer. Der Kapitän eines Seelenverkäufers hatte den Job angenommen und war in See gestochen. „Ich habe schon mit dem Teufel getanzt“, grinste er, als er seinen Lohn entgegennahm.
Während Sistrix, Gretus, Mediadonis und Fridaynite auf den Befehl warteten, die Links des Teufels unschädlich zu machen, bekam Seo Jones die ganze Gewalt des Wassers zu spüren. Das Schiff stampfte mühevoll durch die Wellen. „Wir sind gleich da, allerdings spielt der Kompass verrückt“, rief der Kapitän gegen das Tosen an. Der Linkologe kontrollierte auf seinem GPS-Empfänger die Daten. „Heilige Maria Mutter Gottes. Was ist das denn?“ Der Seebär staunte. Vor ihnen türmte sich eine golden schimmernde Nebelwand auf. „Fahren Sie durch“, befahl Seo Jones. „Sie sind der Chef“, antwortete der Kapitän, dessen sonnengegerbte Haut plötzlich fahl wirkte.
Hinter der Nebelwand erwartete die beiden ein atemberaubender Anblick. Das Meer war absolut ruhig. Über ihnen hing eine Blase in der Luft, in der Millionen kleiner Lichter umherschwirrten. „Hoffentlich habe ich hier Empfang.“ Seo Jones nahm sein Satellitentelefon und rief über Konferenzschaltung die vier Linkologen an. „Es geht los. Auf mein Zeichen tropft ihr das Weihwasser auf die Links. Was immer passieren mag, ich danke Euch.“ Mediadonis, Fridaynite und Sistrix bestätigten, dass sie verstanden hatten. Gretus sagte nur still: „Jeronimo.“
Gerade, als Seo Jones den Befehl geben wollte, kam ein Motorboot näher. „Ach, sieh an. Sie wollen also doch die Welt retten.“ Gerlind vom Berg stand an der Reling, in der Hand ein Megaphon. „Ich habe hier das Zepter des Teufels. Damit werde ich die Macht aller Links bündeln.“ Aus dem Lautsprecher des Funktelefons des Linkologen war ganz leise „die hat doch einen Knall“ zu hören. „Jetzt“, rief Seo Jones. Seine vier Freunde legten los. Ein leises Zischen zeigte ihnen, dass sie Erfolg hatten. „Du bist dran, Seo“, sprach Mediadonis mit zittriger Stimme ins Telefon. Der Professor zog den jungfräulichen Link aus einem Lederetui und warf ihn in die Blase über sich. Sie zerbarst und die Lichter zerstreuten sich in alle Richtungen und gaben den Links überall auf der Welt den Glanz zurück.
„Das war ein Fehler“, sagte Gerlind vom Berg, „die Macht der Links und die Macht des Bermuda-Dreiecks haben sich die Waage gehalten. Jetzt ist das Gleichgewicht zerstört.“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, wurde die stille See rau wie ein Reibeisen. Die Nebelwand schob sich immer näher an die Schiffe. Das Motorboot der jungen Frau wurde als erstes wie von einem Magneten in den Nebel gezogen. „Wir sehen uns in der Hölle, Seo Jones“, schrie sie. Der Linkologe nahm sein Telefon, schrieb eine Kurznachricht mit drei Worten an seine Assistentin, ehe auch das Schiff mit ihm und dem Kapitän immer schneller ins Ungewisse trieb.
Seo Jones und der Weihnachtsmann
Dezember 22, 2009 by Andre Massmann
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Seo Jones hatte schon viele Abenteuer erlebt, war von einer Sekte eingekerkert worden, musste mit ansehen wie ein Mensch durch die Macht eines Links zu Staub zerfiel. Doch das, was ihm diese Nacht wiederfahren sollte, stellte all das in den Schatten.
Es war der 23. Dezember. Anna Lytics, die Assistentin des Professors, packte ihre Tasche und zog sich den Wintermantel an. „Schöne Feiertage, Professor.“ Der Linkologe spielte gedankenverloren mit einem der Links, die er vor wenigen Tagen in einer Höhle in Norwegen gefunden hatte. Er blickte nur kurz auf: „Gleichfalls.“ Die Assistentin wollte schon gehen, drehte sich aber noch einmal um, überlegte und sagte dann: „Sie wissen ja, ein paar Freunde kommen zu mir, Weihnachten feiern. Sie sind herzlich eingeladen. Mein Kartoffelsalat ist legendär.“ Die Antwort des Professors fiel erneut sehr knapp aus: „Danke, mal sehen.“
Für Seo Jones waren die Weihnachtsfeiertage ein Graus. Als Kind hatte er von seinem Vater jedes Jahr nur Links bekommen, alt und irgendwie langweilig. Auf das rote Fahrrad mit Bananen-Sattel wartete er noch heute. Wäre die Oma nicht gewesen, hätte der Weihnachtsmann ihm gar kein Spielzeug gebracht. So hing Seo seinen Gedanken nach und starrte auf die Kerze, die Anna Lytics ihm auf den Schreibtisch gestellt hatte. Die hypnotische Wirkung des Flackerns zeigte bald Wirkung. Seo Jones schlief am Schreibtisch ein.
Ein Poltern und Krachen riss den Linkologen aus dem Schlaf. „Verdammt nochmal, was soll das?“, fluchte er und sah, wie Staub in den Kamin rieselte. Wenige Sekunden später tauchte dort das bärtige Gesicht eines Mannes auf. „Jetzt hilf mir mal, ich werde auch nicht jünger.“ Seo Jones verstand gar nichts mehr, packte den Arm des Mannes und zog ihn aus dem Kamin. „Danke, Seo. Ich bin der Weihnachtsmann.“ Der Professor schüttelte den Kopf: „Euch Studenten fällt auch nichts Besseres ein.“ Der Mann mit der roten Mütze, der roten Jacke und der roten Hose lachte. „War ja klar, aber deshalb bin ich hier.“
In den nächsten Minuten versuchte der Weihnachtsmann Seo Jones davon zu überzeugen, dass er kein Student oder Hilfsarbeiter ist. Doch alles Reden nützte nichts. Der Weihnachtsmann nahm Seo, zog ihn Richtung Kamin und ehe der Professor merkte, wie ihm geschah, saß er über der Universität schwebend in einem Rentierschlitten. „Wow“, mehr fiel dem Linkologen nicht ein. Er saß mit offenem Mund neben dem Weihnachtsmann. Der schnappte sich die Zügel. Der Schlitten nahm Fahrt auf.
Nach wenigen Sekunden fand Seo die Sprache wieder und war zumindest in der Lage, ein paar Wortfetzen von sich zu geben. „Wie geht…, was soll. Du bist der Weihnachtsmann?“ „Ja, Seo, ich bin der Weihnachtsmann und wenn Du glaubst, Du träumst“, sagte es und schnippte dem Linkologen an die Nase. „Aua, spinnst Du?“ Der Weihnachtsmann grinste. „Kneifen macht keinen Spaß mehr.“ So flogen sie über die Stadt. Seo kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Musst Du denn keine Geschenke verteilen?“, fragte er. Der Weihnachtsmann sah ihn an: „Das haben wir an externe Dienstleister ausgelagert. Ich bin mehr für Public Relations zuständig. Du weißt schon, die Magie der Weihnacht in die Herzen der Menschen bringen.“
„Was habe ich damit zu tun?“, wollte Seo wissen. Der Weihnachtsmann stoppte den Schlitten. „Du bist einer von denen, die nicht glauben. Deshalb bin ich hier.“ Der bärtige Mann schaute Seo tief in die Augen. „Du hast den Glauben an mich verloren, weil kein Fahrrad oder eine elektrische Eisenbahn auf dem Gabentisch lagen. Doch überlege einmal: Wo wärst Du heute, wenn Dein Vater Dir nicht die Links geschenkt hätte? Vielleicht würdest Du in einer Bank oder als Gärtner arbeiten. Das sind tolle Jobs. Aber Du bist Linkologe geworden. Die alten Links, die Dein Vater Dir geschenkt hat, sind die Basis Deines Erfolgs. Du kennst die ganze Welt, bist angesehen und trotzdem undankbar. Dabei hast Du die Links immer sauber gehalten, so wie es Dein Vater Dir gezeigt hat. Sie stehen heute noch in Deinem Regal. Vielleicht waren sie doch genau die Geschenke, die Du Dir insgeheim gewünscht hast, weil Du Deinen Papa bewunderst. Denke darüber nach.“
In dem Moment flog der Schlitten weiter. Seo blieb kaum Zeit, die Worte zu verarbeiten, als der Weihnachtsmann ihm auf die Schulter klopfte. „Sieh mal da unten.“ Unter ihnen war ein hell erleuchtetes Gemeindezentrum. Sie hörten Gesang. „Das sind Kinder, die von einem Fahrrad oder einer Eisenbahn nur träumen dürfen. Die haben es nicht so gut wie Du es damals hattest.“ Der Weihnachtsmann steuerte den Schlitten näher an die Fenster. Die Kinder saßen mit ihren Eltern an Tischen, aßen Bockwürstchen mit Kartoffelsalat. Unter einem Tannenbaum lagen kleine Päckchen. „Diese Feier wäre fast ins Wasser gefallen“, erklärte der Weihnachtsmann in ungewohnt erstem Ton. „Du meinst, die Macht der Links zu kennen? Du weißt gar nichts, Seo. Viele kleine Links haben ein Wunder wahr werden lassen. Es wurde plötzlich gespendet, Geld, Spielzeug, weil die Links die Botschaft in die Welt getragen haben. Ich nenne das Links for Charity.“
Sie schauten noch ein wenig durch die Fenster. Das Leuchten in den Augen der Kinder, als sie ihre Geschenke erhielten, beschäftigte Seo Jones noch, als sie längst wieder unterwegs waren. „Und jetzt, zeigt Du mir die Links der Zukunft?“ Der Weihnachtsmann hätte vor lauter Lachen fast die Zügel losgelassen. „Zu viel Charles Dickens gelesen, was? Ich habe keine Glaskugel, um in die Zukunft zu schauen. Da musst Du mal den Osterhasen fragen. Der hat sich so ein Ding gekauft und sitzt jetzt auf vier Tonnen rosa Eierfarbe, weil die laut Kugel in sein sollte. Dabei wollten alle nur Rot und Blau.“ Auf dem Weg zurück zur Universität unterhielten sich Seo und der Weihnachtsmann über Gott und die Welt. Als sie wieder im Büro standen, verabschiedete sich der Weihnachtsmann: „Denke daran, die Magie der Weihnacht lässt sich nicht in Papier packen. Sie ist in den Herzen der Menschen, auch bei Dir, nur tief verborgen.“
Ein lauter Knall riss Seo Jones aus dem Schlaf. Einige Studenten warfen mit Schneebällen auf seine Fenster. „Doch alles nur ein Traum“, dachte sich Seo. Er reckte sich, stand auf und sah in der Nähe des Kamins etwas aufleuchten, als die Sonne ins Büro schien: ein Fahrrad mit Bananen-Sattel. Seo rieb sich die Augen, ging auf das Fahrrad zu und fand einen Zettel am Lenker. „Viel Spaß damit. Ich hoffe, die Farbe stimmt. Dein Freund, der Weihnachtsmann.“ Der Linkologe nahm das Rad, stieg auf und fuhr etwas wackelig, aber stolz wie Oskar über die Flure der Universität. In diesem Jahr sollte er zum ersten Mal den legendären Kartoffelsalat von Anna Lytic probieren und hatte tatsächlich Spaß daran, im Kerzenschein mit seiner Assistentin und ihren Freunden Weihnachten zu feiern.
Die Seo-Legion
Oktober 7, 2009 by Andre Massmann
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Die Existenz einer Seo-Legion wurde bislang immer vehement geleugnet. „Ist uns nicht bekannt“, lautete die monotone Antwort auf hunderte Briefe und Mails an Regierungen, Geheimdienste und Seos. Bis zu jenem Tag, als ein Kurier ein mysteriöses Päckchen lieferte. Der Inhalt: ein einfaches Mobiltelefon. Es war bereits eingeschaltet, ohne Providerkennung im Display, und klingelte kurz nach der Lieferung. „Sie haben mit Ihren Fragen nach der Seo-Legion viele Menschen nervös gemacht. Wenn Sie Antworten wollen, stehen Sie morgen um 5 Uhr vor Ihrer Haustür. Kein Gepäck, kein Handy. Block und Bleistift erhalten Sie von uns.“ In dem Moment war das Gespräch beendet. Das Volksphone, so die Bezeichnung auf dem Gehäuse, wurde heiß. Vorsichtshalber warf ich es in die Spüle. Dort verschmolzen Akku und Sim-Karte zu einem Plastik-Kunstwerk.
Der nächste Morgen: Blutdruck und Puls bewegten sich in Regionen, die jeden Hausarzt in Schwitzen gebracht hätten. Schon vor 5 Uhr stand ich draußen. Sofort kam ein schwarzer Wagen vorgefahren. Ein Mann mit Ski-Maske stieg aus und drängte mich in das Auto. Kurz darauf spürte ich einen Stich in der Seite. Erst Stunden später ließ die Wirkung des Betäubungsmittels nach. Wir befanden uns in der Luft. Der Hubschrauber kreiste über dem offenen Meer, in Blickweite eine Insel. „Wir landen gleich. Sie haben zwei Stunden, sich umzusehen. Dann holen wir Sie wieder ab“, lautete die knappe Anweisung.
Kaum gelandet, wartete auch schon ein Mann im grünen Militärdress auf mich. „Guten Tag, ich bin Kommandeur im Ausbildungscamp der Seo-Legion. Sie dürfen gucken, aber mit niemanden außer mir sprechen, es sei denn, ich erlaube es. Hier haben Sie Schreibzeug, damit Sie Notizen machen können“, erklärte er und ging vor. Das Gelände war mit Stacheldraht gesichert. Wir liefen einen schmalen Pfad entlang zum Camp. Aus der Entfernung war Gesang zu hören: „Ich will ein großer Seo sein. Dafür muss ich schwitzen wie ein Schwein.“ Der Kommandeur nickte nur kurz in die Richtung: „Das sind die neuen Rekruten, die müssen erst mal lernen, was es heißt, den Hintern aus dem Sessel zu kriegen.“
Das Camp der Seo-Legion selbst entpuppte sich als Ansammlung mehrerer Blockhütten, in der Mitte ein Lagerfeuer. „Wie bewirbt man sich bei Ihnen“, lautete meine erste Frage. Die Antwort war ein Lachen. „Bewerben? Wir halten Ausschau nach jungen Talenten und werben sie an. Wenn die hier eintreffen, glauben viele, wir halten ein paar Vorträge, servieren kühle Drinks und spendieren abends einen Döner“, berichtet der Ausbilder. „Aber den Zahn ziehen wir den Damen und Herren ganz schnell. Die lernen hier schon, was Disziplin und harte Arbeit sind.“ Kaum hatte er den Satz beendet, pochte die Ader an seiner Schläfe und hallte wenige Sekunden später ein markerschütternder Schrei über den Platz. „Greeetuuss, Hemd in die Hose und Mütze richtig auf.“ Der Rekrut rief, „Sir, jawohl, Sir“, ging auf den Boden und machte 15 Liegestütze. „Das nächste Mal kratzt Du den Gulliglibber aus der Latrine“, brüllte der Kommandeur. „Sir, jawohl, Sir.“
Der Rundgang durch das Lager war eher langweilig. Hütten mit schlichten Etagenbetten – in vielen davon waren Kuscheltiere zu sehen – Übungsräume und zwei Waschsäle. Auf dem Weg zum Lagerfeuer wies der Kommandeur auf eine Gruppe Seo-Rekruten. Sie liefen mit hochroten Köpfen hinter einer jungen Frau her „Die Jungs haben Sie eben gehört. Wenn die unsere Billy B. zum ersten Mal sehen, sabbern die gleich los. Doch das ändert sich ganz schnell. Die Frau haben wir von einem Schweizer, als Spezialistin für Adrenalin-Schübe. Die nimmt die Neuen richtig hart ran.“ Billy B. sah den Männern und Frauen nach, die zu den Duschen marschierten. „Geht doch“, sagte sie im Vorbeigehen.
Die nächste Station lag etwas außerhalb des Lagers der Seo-Legion. An einem Tisch saßen mehrere angehende Seo-Legionäre, dabei ein Ausbilder. „Der Link ist Euer bester Freund. Passt auf den Link auf, nehmt ihn mit ins Bett und haltet ihn sauber. Wer hier mit einem schmutzigen Link auftaucht, kommt auf die Nachbarinsel und darf so lange im Sand buddeln, bis er wieder abgeholt wird.“ Der raue Ton schien die Rekruten nicht zu stören. Der Kommandeur sah mir über die Schulter: „Wenn die hier fertig sind, bauen die einen guten Link in 15 Sekunden. Die Schulung am Link gehört neben der körperlichen Fitness und der Contentlehre zu den wichtigsten Bestandteilen in der Grundausbildung. Contentstunden dürfen wir Ihnen allerdings nicht zeigen.“
Viele Fragen konnte ich bis dahin nicht stellen. Es waren einfach zu viele Eindrücke und der Bleistift ratterte nur so über das Papier. „Können Sie mir ein paar Namen von Seos nennen, die als aktive Legionäre unterwegs sind?“ Das Kopfschütteln des Lageleiters sagte alles. „Namen sind Schall und Rauch. Hier waren viele. Ich erinnere mich an jeden einzelnen. Zwei von denen saßen jeden Abend am Lagerfeuer und träumten davon, einmal eine Seo-Radioshow zu moderieren. Echt nette Jungs, konnten allerdings auch nur mit Teddy im Arm einschlafen“, schwärmte der Kommandeur. „Dann war da noch einer, der alles fotografieren wollte. Ich glaube, wir haben dem elf Kameras abgenommen, von der dicken Spiegelreflex- bis hin zur selbst gebastelten Lochkamera. Ach, ein Seo-Monster hatten wir hier auch. Der lief abends immer rum und erschreckte alle.“ Der Mann hielt kurz inne. „Ja, die haben es alle geschafft.“
Die zwei Stunden waren schneller vergangen, als mir lieb sein konnte. Bevor es wieder zum Hubschrauberlandeplatz ging, erklärte mir der Kommandeur noch kurz die Aufgabe der Legion. „Wir bilden Einzelkämpfer aus, die späte jeder für sich tätig sind. Dass sie bei der Legion gelernt haben, wird keiner verraten. Unser Ziel ist einfach nur das Gleichgewicht der Kräfte. Daran arbeiten unsere Seos weltweit. Wer tief fällt, dem helfen wir nach oben, auch gegen den Widerstand der dunklen Seite der Macht.“ Das waren seine letzten Worte, bevor er sich verabschiedete. Vom Rückflug bekam ich dank Spritze nichts mit. Ich wachte am nächsten Tag im eigenen Bett auf, fand den Block und begann zu schreiben, über saubere Links, Billy B. und schwitzende Rekruten.
Seo Jones und der verschwundene Pagerank
September 18, 2009 by Andre Massmann
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„Professor Jones?“ In der Tür zum Büro des Linkologen stand ein junger Mann, gekleidet in feinstem englischem Zwirn. Seo Jones drehte sich um und fragte gelangweilt: „Was kann ich für Sie tun? Kommen Sie rein und setzen Sie sich hin.“ Der junge Mann folgte der Bitte. „Mein Name ist Bobo Siem. Ich komme aus einem Dorf in einer entlegenen Region Indiens. Die Ältesten haben mich beauftragt, Sie um Hilfe zu bitten. Der Pagerank, der unser Dorf beschützt, wurde gestohlen.“ Das Interesse des Professors für Linkologie war geweckt. „Erzählen Sie weiter. Was ist das für ein Pagerank und was ist genau passiert?“
„Vor hunderten von Jahren haben unsere Vorfahren nach einem geeigneten Platz gesucht, um sich niederzulassen. Noch bevor sie auch nur eine Hütte bauten, errichteten sie einen Schrein zu Ehren der Göttin Goo, die für Zufriedenheit und Wohlergehen der Dorfbewohner sorgen soll. Seinerzeit wurden viele dieser Siedlungen gegründet. Der Sage nach erschien Goo wenige Tage später in zehn Dörfern und überreichte den Bewohnern einen Pagerank. Auf dem kargen Boden wuchsen daraufhin Pflanzen, die Tiere starben nicht mehr und die Menschen konnten in Frieden leben. Bis zu dem Tag, an dem die Sekte der Ilinkuminaten kam und der Pageranks habhaft werden wollte. Ihr Ziel war es, den großen Zehner-Pagerank zu bilden. Mit ihm lassen sich angeblich die Geschicke der Welt bestimmen. Einige Dörfer versteckten ihre Pageranks an sicheren Orten, andere ließen ihn außer Landes bringen. In drei Dörfern töteten die Ilinkuminaten alle Bewohner und nahmen die Pageranks mit. Der Mogul verurteilte die Mitglieder der Sekte daraufhin zum Tode. Unser Dorf blieb damals verschont und der Pagerank beschützte uns auch weiter. Bis vor wenigen Wochen. Der Pagerank ist weg. Die Quelle versiegte, die erste Kuh verendete. Wir glauben, die Sekte ist wieder aktiv.“
Seo Jones lehnte sich zurück. „Und wie kann ich Ihnen helfen? Ich bin Linkologe und von den Pageranks ist nur wenig überliefert. Sie sollen jeder für sich wirken. Wie wollen die Ilinkuminaten sie denn zu einem großen Pagerank verbinden?“ „Links“, lautete die knappe Antwort von Bobo Siem. „Es gibt spezielle, uralte Links, mit denen sich die zehn Pageranks kombinieren lassen. Es gibt zig Millionen Möglichkeiten, aber nur eine funktioniert. Sie sollen verhindern, dass die Bruderschaft die Lösung findet. Wir haben gesammelt, um die Flüge und die Spesen zu bezahlen. Helfen Sie uns?“ Der Professor überlegte nicht lange, schnappte sich seine Tasche und sagte: „Auf geht´s.“
Gemeinsam mit Bobo Siem reiste Seo Jones quer durch Indien, um zum Dorf zu gelangen. Dort erwartete den Professor ein Bild des Elends. Nur noch ältere Männer, Kinder und Frauen waren da, ausgemergelt und schwach. „Sie haben die jungen Männer geholt und gezwungen, für sie zu arbeiten“, berichtete der Dorfälteste. „Die Ilinkuminaten wissen, wo die übrigen Pageranks sind. Lange dauert es nicht mehr und sie haben alle zehn. Sie sind unsere letzte Hoffnung, Professor Jones.“ Müde von der langen Reise setzte sich der Professor und nahm sein Satellitentelefon. „Anna Lytics“, meldete sich eine säuselnde Stimme am anderen Ende Leitung. „Schauen Sie sofort im PC, was wir über die Ilinkuminaten haben.“ Wenige Minuten später, Seo Jones hörte nur das Klappern der Tastatur, erhielt er die gewünschte Information. „Nach dem, was hier gespeichert ist, soll Gandolf vom Berg die Sekte führen, ein Deutscher. Fakten gibt es keine.“
Zwei Tage lang blieb Seo Jones in dem Dorf und ließ sich alles über den Pagerank und die Ilinkuminaten erzählen. Dann machte er sich mit Bobo auf den Weg in die anderen Dörfer. Auch hier waren die jungen Männer geholt worden. Die Spur führte zu einem alten Palast. Der Professor bat den Hausherrn um ein Nachtlager für sich und seinen Freund. Beide wurden freundlich empfangen. Doch es lag etwas in der Luft. Überall standen Wachen. Bobo und Seo konnten keinen Schritt alleine machen. Sie wurden immer begleitet oder hatten das Gefühl, beobachtet zu werden.
In der Nacht versuchten der Professor und der junge Inder, sich ein Bild zu verschaffen. Sie überwältigten ihre Aufpasser, lockten eine der Wachen von einer der großen Eisentüren weg und verschafften sich Zutritt. Eine schmale Treppe führte nach unten, nur beleuchtet von wenigen Fackeln. Aus der Ferne waren Schreie und das Tuckern von Maschinen zu hören. Mit jedem Schritt stieg der Lärmpegel an. Als sie an der letzten Windung ankamen, sahen sie die jungen Männer. Sie mussten Gestein zerschlagen und zu einer Mühle bringen. „Los, es fehlt nur noch ein Pagerank. Dann könnt ihr Euch ausruhen.“ Ein bulliger Typ mit zotteligem Bart trieb die Burschen an. In dem Moment wurden Seo und Bobo von hinten gepackt. Sie waren entdeckt worden. Was danach passierte, wissen sie nicht mehr. Sie erinnern sich nur noch an einen Schlag auf den Hinterkopf.
„Guten Tag, Mr. Jones.“ Ein Mann im grauen Anzug kam zum Verlies. „Ich bin Gandolf vom Berg. Es ist nicht nett, dass Sie die Gastfreundschaft hier zum Schnüffeln missbrauchen. Aber gut. Wenn Sie schon einmal hier sind, können Sie uns auch helfen.“ Seo Jones war noch nicht ganz zu sich gekommen, als er von zwei Wachen in eine Halle geführt wurde. Neun Pageranks lagen auf goldenen Tischen, in einer Schale dutzende uralter Links. „Diese Links verbinden die Pageranks. Jeder hat Vertiefungen. Wir haben es noch nicht geschafft, eine Verlinkung herzustellen. Das ist jetzt ihr Job. Wenn Sie nicht sputen, wollen wir mal sehen, ob die Mühle nicht auch ihre Knochen zermahlen kann.“
Tag und Nacht saß der Professor über den Links und den Pageranks. Jeden einzelnen hatte er schon hunderte Male in der Hand und genau studiert. Dass er dabei einen Weg gefunden hatte, die Sekte auszuschalten, ließ er sich nicht anmerken. Nach fünf Tagen kam der Anführer und verlangte Ergebnisse. „Ich kann es schaffen, wenn ich den zehnten Pagerank habe.“ Gandolf vom Berg lachte laut auf. „Kein Problem, hier ist er. Es ist schon erstaunlich, wie man Menschen mit Peitschenhieben zu Höchstleistungen treiben kann.“ Seo Jones begann, fügte vorsichtig Links und Pageranks zusammen, bis ein Gebilde entstand, das nach wenigen Augenblicken zu leuchten begann und eine ungeheure Energie ausstrahlte. „Hier. Machen Sie damit was Sie wollen. Aber lassen Sie die Männer frei.“ Der Ilinkuminat stieß ihn beiseite. „Die bleiben hier, genau wie Du. Wir werden viele Helfer brauchen.“
Die gesamte Sekte der Ilinkuminaten versammelte sich im Saal, hielt sich an den Händen. Als ihr Führer den Zehnerpagerank berührte, durchströmte ihn und seine Kameraden eine tödliche Energie. Sie sackten zusammen und hauchten ihr Leben aus. Der Professor zerschlug die Verbindungen mit einem Stab, nahm die Links und Pageranks und suchte die jungen Männer aus den Dörfern. „Wir müssen hier weg“, rief er. „Es ist vorbei.“ Die Wachen hielten sie nicht auf. Der Bann, der auf ihnen lag, war gebrochen.
„Wie habt Ihr das geschafft?“ Diese Frage musste Seo Jones oft beantworten. Und er tat es gerne. „Auf den Links und den Pageranks war ein Hinweis versteckt, der vor zu viel Macht warnt. Eure Göttin Goo wollte offensichtlich lieber viele glückliche als ein mächtiges Dorf. Einige der Pageranks hätte man problemlos verbinden und sehr viel Kraft gewinnen können. Doch die Ilinkuminaten waren gierig und wollten alles. Das hat sie umgebracht.“ Bevor der Professor sich auf die Heimreise machte und verabschiedet, sprach er noch mit Bobo: „Pass auf deinen Pagerank auf und halte ihn in Ehren.“
Seo Jones und der goldene Link
September 9, 2009 by Andre Massmann
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Das Büro von Seo Jones sah aus wie immer. Überall im Zimmer lagen Notizen. Mit Karteikarten versehene Links aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte verstaubten in den Regalen und auf dem Schreibtisch stapelte sich die Post der vergangenen zwei Wochen. Der Professor für Linkologie war wieder einmal auf Reisen gewesen. Er hatte in den Katakomben Washingtons nach den letzten US-gov-Links gesucht und einige retten können. Nach seiner ersten Vorlesung an diesem Vormittag zu den Linkstrukturen der medi-adonischen Epoche machte er es sich bequem. Die Füße auf den Tisch gelegt, wollte er gerade in sein Brötchen mit zwei Zentimeter Nuss-Nougat-Creme beißen, als seine Assistentin, Anna Lytics, in den Raum stürmte. „Mr. Jones, hier ist ein Telegramm von Ihrem Vater, Sem Jones.“ Der Professor wäre vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. „Können Sie nicht anklopfen“, knurrte Seo die junge Frau an und wischte sich die braune Creme von der Wange. Mit dem Telegramm machte er kurzen Prozess und riss es einfach auf. „Habe die entscheidende Spur – stopp – bin in Gefahr – stopp – alle Infos im braunen Umschlag – stopp – Papa.“ Der Professor verdrehte die Augen. „Der und sein goldener Link, das geht mir sowas von auf den Sa…“. Bevor er den Satz vollendete, korrigierte Seo Jones sich, „auf den Geist“. Anna Lytics schien verwirrt. „Was ist der goldene Link?“
Auf diese Frage hatte der Linkologe zwar nicht gerade gewartet, aber er antwortet. „Der goldene Link ist ein Mythos. Mit ihm soll man die Welt beherrschen und sich an die Spitze aller Rankings setzen können. Wenn selbst Typen wie Ernst von Dönecken ganze Bücher darüber schreiben und erklären, der goldene Link sei vom Planeten Googleos auf die Erde gebracht worden und hätte die erste Hochkultur geprägt, kann das nur Mumpitz sein. Jedenfalls suchen Forscher seit Generationen nach diesem Link. Selbst Seo, der Söldner, dem ich meinen Vornamen zu verdanken habe, soll ein Link-Jäger gewesen sein.“ Während Seo Jones erzählte, wühlte er auf seinem Schreibtisch. „War bei dem Telegramm ein Brief? Hier steht was von braunem Umschlag.“ Anna Lytics schüttelte den Kopf. „Nee, die Post von heute liegt schon auf Ihrem Tisch.“ Innerhalb von wenigen Minuten flog Umschlag für Umschlag in die Ecke, bis ein altes, abgewetztes Kuvert zum Vorschein kam. „Da haben wir es.“ Seo öffnete den Umschlag und hielt die alte Kladde seines Vaters in Händen. „Hier hat er alles notiert, was er zum goldenen Link weiß. Dann muss wirklich was passiert sein“. Jones blätterte in den letzten Einträgen und rief seiner Assistentin, die schon wieder im Vorzimmer saß, zu: „Buchen Sie mir einen Flug nach Mittelamerika.“
36 Stunden später hockte Seo Jones in einer Bar in einem Dorf, dessen Namen man auf keiner Landkarte finden würde. Hier wartete er bei einem lauwarmen Bier auf seinen Bekannten, Mini Vip. Der schnauzbärtige Mann hatte einen siebten Sinn für Links und war dem Professor schon mehrmals hilfreich zur Hand gegangen. „Hallo Seo“, schallte es vom Eingang. Jones drehte sich um und sah Mini, mit einem roten T-Shirt und einer Kamera um den Hals. „Du kannst es auch nicht lassen, was? Immer den Finger auf dem Auslöser.“ Seo freute sich, seinen alten Kameraden wieder zu sehen, kam aber gleich zur Sache. „Hast Du was von meinem Vater gehört?“ Mini setzte sich hin, lehnte sich zu Seo herüber und flüsterte: „Er war hier, in Begleitung von Linkwoman. Kurz nach den beiden kamen dunkle Gestalten in die Stadt.“ Mini Vip drehte sich um, als hätte er Angst, ein Fremder könnte seinen Worten lauschen. „Der chinesische Kreis mit dem Namen „Die blaue Pille“, russische Linkhändler und das Casino-Kartell haben Sem und die Frau verfolgt. Ich glaube die Russen halten die beiden in ihrem Versteck gefangen.“
In der Nacht erreichten Seo und Mini die Festung der Linkhändler. Sie schafften es, über die Mauer auf das Gelände zu gelangen und von dort durch ein Kellerfenster in das Haus. Viel Zeit blieb ihnen nicht. Lange suchen mussten sie ohnehin nicht. Das laute Schnarchen von Sem Jones führte sie direkt zum Gefängnis. Während Seos Vater in Ruhe schlief, bekam Linkwoman kein Auge zu. Sie waren mit Ketten an die Wand gefesselt. Ein paar gezielte Schläge mit dem stabilen Fotostativ von Mini Vip lösten die Steine um die Verankerung. Den Rest erledigten ein schwerer Hammer und eine Metallsäge, die sie in der Werkstatt fanden. „Junior, wir müssen uns beeilen. Sonst holen sich die Russen den goldenen Link und alles ändert sich.“ Seo Jones verdrehte die Augen. „Ich heiße Seo, Vater, nicht Junior. Merk‘ Dir das.“ Doch Sem hörte gar nicht zu, sondern zog seinen Sohn hinter sich her.
Zwei Tagesmärsche waren sie unterwegs, als sie vor einer Höhle ankamen. Von den Russen war nichts zu sehen. „Denen habe ich den falschen Weg genannt“, lachte Sem Jones. In dem Moment sprang ein junger Bursche vor die Höhle. „Du kommst hier net rein“, sagte er und zeigte stolz sein Steinschlossgewehr. „Wieso sprichst Du unsere Sprache?“ Seo wunderte sich über das Auftreten des Mannes. „Meine Eltern haben mich in Deutschland studieren lassen. Da habe ich als Türsteher mein Geld verdient. Kommst trotzdem nicht hier rein.“ Angesäuert holte Seo Jones aus und schlug dem Wächter voll auf die Zwölf. „So viel zu Türsteher und Du kommst hier net rein, Du Pfeife.“ Die Gruppe um Sem und Seo wagte den Einstieg in die Höhle.
Mit Taschenlampen sorgten sie für ein wenig Licht. Sieben Spamfallen, die zentnerweise Steine hätten in die Gänge fallen lassen, mussten sie umgehen, bis sie vor einer Tür standen. Gesichert war sie mit einem Schloss, bei dem Symbole in die richtige Reihenfolge gebracht werden müssen. „Hast Du meine Kladde Junior?“ „Seo, Vater, ich heiße Seo. Hier hast Du Dein altes Heft.“ Sem Jones blätterte ein wenig und begann, Symbol für Symbol zu verschieben. „Erst das Zeichen für G, dann O, noch ein O, ein G, ein L und ein E“, murmelte der Vater von Seo. „Du glaubst doch nicht wirklich an die Geschichte mit Googleos“, fragte der Linksucher. „Doch, Du sieht doch. Die Tür ist auf.“
Hinter ihr wartete ein großer Raum, voller Links. Einer schöner als der andere. Einige zuckten, aus anderen stieben Rauchwolken empor. „Welcher ist denn nun der echte Goldene?“ Linkwoman berührte einzelne Exemplare, traute sich aber nicht, sie aufzuheben. „Er soll wunderschön, aber auch schlicht sein“, erzählte Sem Jones und ging zielstrebig auf einen kleinen Link zu, der wie ein G verformt war. „Das ist er.“ Doch als der Mann den Link aufheben wollte, begann die Höhle zu vibrieren. Steine fielen von der Decke. „Wir müssen hier raus“, rief Mini Vip. Sem Jones versuchte weiter, den goldenen Link zu nehmen. „Vater, lass‘ den Link. Lauf um Dein Leben.“ Seo packte seinen Vater am Arm und riss ihn beiseite, ehe ein Steinbrocken ihn zerquetscht hätte. „Los jetzt, der Link ist verloren.“ Vor der Höhle nahm Sem Jones seine Kladde, zerriss sie. „Das war´s. Ich weiß, dass es den goldenen Link gibt und niemand anders ihn für seine Zwecke missbrauchen kann. Schade eigentlich, ich hätte gerne gewusst, wie es ist, ganz oben zu sein.“ Seo lachte: „Bei mir stehst Du immer an erster Stelle.“
Quellangabe: Titelbild designed vom Bild-Artisten&Optimierer Martin Mißfeldt.
Seo Jones und der Backlink des Todes
September 3, 2009 by Andre Massmann
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„Ein guter Backlink ist immer perfekt an seine Umgebung angepasst.“ Seo Jones schrieb auf die grüne Tafel im großen Hörsaal ein „A“ nach dem anderen. „Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Blatt voller A-s, in verschiedenen Schriften und Farben. Ein Backlink in Form eines Z würde hier sofort auffallen. In der nächsten Stunde erkläre ich Ihnen dann, wie sie gute Backlinks finden. Vergessen Sie bitte nicht, Ihre Hausarbeiten auf den Tisch zu legen.“ Der Professor für Linkologie hasste die Grundkurs-Vorlesungen, ebenso die Korrektur der Klausuren. Deshalb setzte er sich sofort in sein Büro, um einen Blick auf die Machwerke zu werfen. Schon nach wenigen Minuten fluchte er: „Die würden nicht mal Links in einem Webkatalog finden.“ Unterbrochen wurde seine Arbeit vom Signalton, den sein Notebook bei eingehenden Mails von sich gab.
Eine E-Mail mit anonymem Absender befand sich im Posteingang. Der Betreff: „Es ist soweit.“ Angefügt waren zwei eingescannte Zeitungsartikel. In beiden ging es um aufstrebende Firmen, die von heute auf morgen von der Bildfläche verschwunden waren. Unterschrieben war die Nachricht mit UT. „United Theos, das kann nicht sein.“ Jones sprang auf und rannte in die Bibliothek. In der hintersten Ecke, wo die Birne schon seit Jahren flackert, fand er das Buch. Es war alt, zerfleddert und durch hunderte Hände gegangen. Der Linkologe blätterte ein wenig und fand, was er suchte. Vor Ewigkeiten soll ein Backlink des Todes ganze Dynastien zu Staub und Sand verfallen lassen haben. Dahinter steckte die geheime Bruderschaft der United Theos. Sie hatte den Link aus einer anderen Dimension beschworen, um die Welt zu beherrschen. Erst Druiden schafften es, den tödlichen Link zu entzaubern. Als Warnung schufen sie eine Sandbox aus purem Gold, gefüllt mit dem Staub aller Reiche, die vernichtet worden waren.
Seo Jones grübelte. „Wie kann das sein? Der Backlink des Todes soll den Aufzeichnungen zufolge für tausend Ewigkeiten unauffindbar und die Bruderschaft zerschlagen sein.“ Die Nachrichten aus der E-Mail und die Geschichte der Druiden beschäftigten den Professor den gesamten Weg bis hin zu seinem Auto. Erst ein Umschlag, der hinter dem Scheibenwischer steckte, riss ihn aus seinen Gedanken. „Sie müssen die Bruderschaft stoppen. Sonst ist alles aus.“
Am nächsten Tag rief Seo Jones seine Assistentin Anna Lytics zu sich. „Suchen Sie mir alle Informationen zur Bruderschaft der United Theos sowie Firmen und Gesellschaften, die auf unergründliche Weise nicht mehr existieren“. Er selbst begab sich wieder in die Bibliothek. Stundenlang wälzte er teils noch handschriftlich verfasste Werke. Ein Hinweis besagte, die Formel der Druiden sei auf einer Pergamentrolle notiert worden. Nur mit ihr könne man den Backlink finden und unschädlich machen. Seo nahm sein Handy und wählte. Nach einigen Sekunden meldete sich die vertraute Stimme von Harry Otter, der weniger an Links denn an der Magie interessiert war. „Ich brauche Deine Hilfe. Es geht um eine Pergamentrolle. Die von den Druiden. Du weißt schon.“ Stille am anderen Ende der Leitung. „Du hast es also auch gehört. Die Rolle soll nach Afrika gebracht worden sein und dort unter einem heiligen Baum liegen. Treffen wir uns in Nairobi.“
Zehn Tage waren Seo und Harry unterwegs. Sie folgten den Hinweisen weiser Männer, Schamanen und Schwarzmagier. Auf ihrer Reise fanden sie viele heilige Bäume. Sie wollten noch einen Versuch starten. Doch ihr Fahrzeug war in der Nacht in Flammen aufgegangen. „Die Brüder wissen, dass wir hier sind“, sagte Seo. Er lieh sich einen altersschwachen Jeep und fuhr alleine zum besagten Baum, weil sein Freund sich nicht wohl fühlte. Der heilige Baum wuchs anders als die übrigen Pflanzen auf einem Felsen, der mit Zeichen übersät war. Jones erkannte sie und fand die Rolle. Um sie in Sicherheit zu bringen, rief er Harry von unterwegs aus an und schickte ihn zum Flughafen. Sie nahmen die nächste Maschine, die Papyrusrolle gut verstaut im Rucksack des Professors. Harry hatte sie noch nicht zu Gesicht bekommen, war seit dem Fund aber sehr ruhig geworden.
Der Flug war anstrengend. Keiner von beiden hatte ein Wort gesprochen. Erst jetzt, im Büro von Seo Jones, brachen sie das Schweigen. „Wir müssen die Rolle übersetzen und den Link finden“, flüsterte Harry. Das wäre einfach gewesen, gäbe es ein Lexikon oder Wörterbuch zu den Symbolen der Druiden. Die wenigen Fragmente, die Forscher im Laufe der Jahrhunderte entschlüsselt hatten, mussten reichen. Die ganze Nacht über stritten Seo und Harry über die Bedeutung einzelner Zeichen. Es gab zu viele Möglichkeiten, sie zu lesen. Sie benötigten zwölf Stunden, bis sie sich auf eine Lösung einigten. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Für den Ritus musste es Nacht und Vollmond sein. Die Rolle schlossen sie im Tresor der Universität ein und ließen zwei Wachmänner patroulieren.
Das Mondlicht warf Schatten, die über die Regale und den großen Tisch in Seo Jones‘ Büro tanzten. Nur einige Kerzen flackerten und erhellten einen Kupferkessel, aus dem faulig stinkende Schwaden empor stiegen. Der Magier und der Linkologe beschworen den Backlink des Todes. Mit jedem Satz brodelte die Mischung in dem Kessel mehr. Es stank und ein greller Lichtstrahl erschien. In ihm, wie auf einer Wolke schwebend, sahen die beiden den Link. Er funkelte in allen Farben. Harry griff zu. „Jetzt habe ich Dich und die Welt gehört mir.“ Seo starrte seinen Freund an, der wie von Sinnen schien. „Ich habe Dich auf die falsche Fährte gelockt. Du warst so dumm und hast alles geglaubt. Dabei solltest Du mir nur helfen, endlich den Link zu finden, den ich seit Jahren suche. Meine Urahnen waren in der Bruderschaft und wurden hart dafür bestraft. Jetzt nehme ich Rache.“ Der erste Hieb mit dem Backlink verfehlte Seo nur knapp. Geschmeidig wie eine Katze rollte sich der Professor ab und landete auf dem Rücken. Harry schien übermenschliche Kräfte zu haben. Er stand über Seo und wollte erneut zuschlagen. „Jetzt sehen wir gleich, ob Du zu Sand wirst.“
Just in dem Moment wurde die Tür zum Büro geöffnet. Anna Lytics stand dort mit einer grellen LED-Taschenlampe. „Hallo, Mr. Jones? Ich habe noch Licht gesehen und wollte nur sagen, dass ich nichts zur Bruderschaft gefunden habe.“ Als sie die Situation erfasste, blieben ihr die Worte weg. Immerhin hatte sie Harry abgelenkt. Als sie ihn dann auch noch mit der Taschenlampe blendete und er den Backlink des Todes fallen ließ, griff Seo Jones geistesgegenwärtig zu. Er berührte mit dem Link das Bein seines Ex-Freundes. Der Magier schrie auf. Bis auf ein Häufchen Sand blieb nichts von ihm übrig. „Danke, Anna. Sie haben mir das Leben gerettet.“ Die Assistentin war blass, keifte aber gleich los: „Den Dreck machen Sie weg und lüften Sie mal.“ So schnell in die Realität zurückgeholt zu werden, ließ auch Seo in sich zusammensacken. Nach einigen Momenten nahm er den Link und warf ihn in den Kupferkessel. Ein Jaulen hallte durch den Raum. Der Link löste sich vor seinen Augen auf und verschwand. Das Pergament landete wenig später im Kamin. „Damit dürfte die Gefahr vorerst gebannt sein“, murmelte Seo, ehe er sich ein Gläschen Scotch gönnte.
[Titelbild designed by Martin Mißfeldt]
Alptraum eines Seo
August 11, 2009 by Andre Massmann
Filed under SEO, Unterhaltung
Eine arbeitsreiche Nacht neigt sich dem Ende zu. Es ist 4.26 Uhr. Siegmund K., Suchmaschinenoptimierer, Hobby-Affiliate und Streichholzschiffsmodellbauer, macht Feierabend. Er schaltet die drei 21-Zoll-Monitore, den Rechner, das Notebook und die Stromsparleiste ab, leert den Mülleimer mit 21 Kaffeepads und zwei Beuteln Kräuter-Tee „Kirscharoma“, schlüpft in seinen bequemen Nickischlafanzug und legt sich vorsichtig neben seine leise schnarchende Frau. Geschätzte 237 Schäfchen später kommt das Sandmännchen und Siegmund schläft den Schlaf der Gerechten.
„Tagchen Siggi, ich darf doch Siggi sagen, ich bin Leo, Leo Spamkoviak.“ Siegmund weiß gar nicht wie ihm geschieht. Er sieht sich um und sitzt inmitten eines wahren Plüsch- und Glitter-Rausches, beleuchtet von einigen mit roten Tüchern verhangenen Sparbirnen. Er nimmt die Visitenkarte, auf der neben dem Namen und einer Handynummer nur Lude, Lebemann und handschriftlich daneben Financier steht. „Freut mich, dass Du Zeit hast.“ Leo, das Hemd vier Knöpfe weit offen, drei Goldkettchen um den Hals, mit sechs Ringen an den Fingern und vier sichtbaren Goldzähnen, plappert munter weiter. „Hab´ Dir ja schon gesagt, worum es geht. Sollst dafür sorgen, dass die Leute wie verrückt auf meine Seite klicken. Papa braucht neue Puschen, verstehst schon. Viel haste da nicht mehr zu tun. Habe ordentlich vorgearbeitet.“
Der Seo fragt vorsichtig: „Was ist das denn für eine Seite?“ Leo setzt sich hin und erzählt: „Nachdem mein Kredit-Außendienstmitarbeiter jetzt gesiebte Luft atmet, ist die Privatkreditsparte etwas ins Stocken geraten. Dabei hat Ivan dem Kunden nur die Hand geschüttelt. Dass dabei zwei Finger brechen, kann ja mal passieren.“ Zum unguten Gefühl in Siegmunds Magengegend gesellt sich langsam ein Kloß im Hals. Spamkoviak bemerkt die Schweißperlen auf der Stirn seines Gastes gar nicht. Er ist ganz in seinem Element. „Jetzt will ich umsatteln auf Internet. Irgendwie muss der Rubel ja rollen. Adresse habe ich. Leos Kreditstüberl Punkt de. Das weckt Vertrauen, das ist wichtig bei Krediten.“
Siegmunds Hirn würde am liebsten auf lautes Lachen schalten. Die Angst, nachher mit Gips am Finger im Krankenhaus aufzuwachen, überwiegt aber. „Sie wollen also Kredite vermitteln?“, hakt der Seo nach. „Kannst ruhig Du sagen, sind ja quasi Partner. So ist das. In Krediten hat schon mein Alter gemacht. Aber die Geschäfte laufen nicht so gut. Da muss man mit der Zeit gehen und aufs Internet setzen. Aber wem erzähle ich das.“ Leo grinst breit. „Du bist schließlich der Profi. Ich habe die Adresse, Texte und das Design. Alles für ein paar Euro. Die Leute wissen gar anscheinend gar nicht, was ihnen da für Schnäppchen durch die Lappen gehen.“ In Siegmunds Kopf dreht sich derweil alles nur darum, ob der Beitrag für die Lebensversicherung gezahlt ist.
„Dann erzähl mal, was Du alles hast“, bittet Siegmund mit zittriger Stimme. Leo lehnt sich zurück, lässt einen fahren – „entschuldige, aber hier muss alles raus, was keine Miete zahlt“ – und sagt: „Erst mal habe ich einen Texter angerufen. Der erzählt mir einen vom Pferd und unique Content. Dem habe ich was gehustet. Unique brauch´ ich nicht. Habe hier schon ´ne Monique und die gehört nicht gerade zu den besten Pferden im Stall, wenn Du weißt, was ich meine. Als ich dem erkläre, ich will einfach nur ein paar Kredittexte und wissen, was das kostet, kommt der mir mit irgendwas von ein paar Euro pro so und so viel Zeichen. Der tickt wohl.“ Leo haut sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Die Texte habe ich dann ersteigert. Komplettes Kreditprojekt, nur ein Euro. Hat wohl kein anderer gefunden. Sonst wär‘ das bestimmt teurer geworden. Dazu noch ein hübsches Flash-Layout für einen Euro – da war ich mal wieder ein echter Glückspilz – und fertig ist die Seite.“
Leo Spamkoviak schnappt sich sein Notebook und während das Betriebssystem hochfährt, erklärt er in aller Seelenruhe: „Hat dann alles der Junge von unserer Chantal hier fertig gemacht. Dafür darf er mal in der Umkleide spicken – sag das bloß nicht der Mama, das gibt sonst mächtig Ärger. Die Seite ist richtig gut geworden. Schön bunt, alles animiert. Da klicken die fast wie von selbst.“ Als Leo sein Notebook so dreht, dass auch Siegmund etwas sehen kann, steht der Seo schon nach wenigen Sekunden kurz vor einem epileptischen Anfall. Flash in Reinkultur, Neonfarben und in 72 Punkt Lettern ständig blinkend „Kredit hier abschließen. Gut und günstig.“ „Das fetzt, was?“, ist Leo begeistert, „alles für weniger als zehn Euro. Internet ist schon klasse.“
Mit vom Farbgewirr tränenden Augen überlegt Siegmund, wie er möglichst diplomatisch erklären kann, dass die Seite Schrott ist. Da unterbricht Lude Leo seinen Gedankengang. „So, Siggi, Du sollst jetzt massig Besucher auf die Seite bringen. Irgendwie mit Google und so. Ich denk mal, in einer Woche brummt der Counter. Ist bei der Seite doch ein Klacks. Mehr als einen Fuffi und vielleicht ein Fläschchen französische Prickelbrause kann das doch nicht kosten, oder?“ Das Goldzahn-leuchtende Grinsen von Leo zeigt, dass er in Gedanken schon die Kontoauszüge überprüft und auf hohe Provisionen hofft. „Ich gehe mal von so 100 Abschlüssen die Woche aus“, rechnet Leo grob vor, „bald sind Ferien und irgendwie muss ich den Laden ja am Laufen halten.“
Siegmund verspürt nur noch den Drang, zu schreien. Als er eine warme Hand an seiner Wange spürt, öffnet er die Augen und sieht seine Frau. „Wer zum Teufel sind Chantal und Monique? Und wieso schreist Du im Schlaf? Hast Du wieder zu viel von dem Grauburgunder getrunken? Ich habe Dir doch gesagt, Du sollst abends die Finger vom Alkohol lassen. Übrigens: Heute Nachmittag hat ein Leo Spamkoviak angerufen. Ganz netter Typ. Der hat einen Auftrag für Dich.“
Seo, der Söldner
Juni 23, 2009 by Andre Massmann
Filed under Unterhaltung
Zu einer Zeit, da die Menschen nichts mehr fürchteten als von Räubern mit schartigen Messern niedergemetzelt zu werden, erzählten die Dorfältesten überall im Land die Geschichte von Seo, dem Söldner. Während die Eltern auf dem Feld oder in der Werkstatt ihr Tagwerk vollbrachten, saßen die Jungen und Mädchen, die noch nicht alt genug waren, um mit ihrer Hände Arbeit zum Einkommen beizutragen, auf dem Dorfplatz und lauschten gebannt den Worten der weisen Frauen und Männer. Sie hatten die Geschichte von ihren Eltern und Großeltern gehört, die wiederum von ihren Vorfahren. Und obwohl schon eine halbe Ewigkeit vergangen war, gehört Seo immer noch zu den Helden im Land, das von Königin Googela in eine neue Ära geführt wurde.
Googela war das einzige Kind des Königs und musste nach dessen Tod schon früh lernen, ein ganzes Reich zu beherrschen. Die Verspieltheit eines jungen Mädchens und der Wunsch, alles möge nur zu ihrem Gefallen geschehen, waren Charaktereigenschaften, die es den Untertanen nicht leicht machten. Wer die Gunst der Königin verlor, wurde verbannt. An den Rand des Reiches, der von den Menschen als Sandkasten gefürchtet wurde. Steine und Sand ließen den Verstoßenen kaum eine Chance, eine neue Existenz anzubauen. Wenige schafften es und warnten alle und jeden davor, jemals die Königin zu verärgern.
Eines Tages, als es Googela zu langweilig wurde, ersann sie ein Spiel. Jedes Dorf sollte sich etwas einfallen lassen, um die Königin zu erfreuen. Möglichst so, dass überall im Land darüber geredet wird. Sie ließ ihre Hofmaler eine große Tafel anfertigen und Schilder mit den Namen der Dörfer. In welcher Reihenfolge die Dörfer auf der Tafel angebracht wurden, entschied ganz alleine Googela. Wer sich besonders viel Mühe gab, sollte ganz oben stehen. Die Dörfer, die in ihren Augen versagten, landeten ganz unten. „Ranking“ nannte sie das System. Die Idee dazu kam ihr beim Blick auf das Efeu, das an ihrer Burg rankte. Nur die kräftigen Pflanzen schafften es bis zur höchsten Turmspitze. Doch es war nicht nur ein Spiel: Die Steuer wurde nach dem Rang auf der Tafel festgelegt. Wer auf den unteren Plätzen landete, dem blieb kaum genug zum Leben.
Um nicht selbst durch das Land reisen und sich mit dem niederen Volk abgeben zu müssen, ernannte sie Boten. Sie sollten sich in den Dörfern umsehen und hören, was über die Anstrengungen anderer Dörfer erzählt wurde, um ihr dann später Bericht erstatten zu können. Wie viele dieser Boten es gab, wussten nur wenige. Sie wurden von der Königin als Bots bezeichnet – eine ihrer kleinen Wortspielereien. So machten sich die Dörfer ans Werk, der Königin zu gefallen, und die Bots auf die Reise. Sie berichteten Googela von Holzfiguren, die das Antlitz der Majestät zeigen, von prächtigen Gärten, von Gemeindehäusern zu Ehren der Königin. Die reichen Dörfer übertrumpften die armen und standen im Ranking sehr schnell vorne. Das ärmste Dorf, Pegusia, hatte es gerade einmal geschafft, eine Strohpuppe zu basteln. Niemand in den umliegenden Gemeinden hatte etwas davon mitbekommen oder darüber erzählt. So fiel auch der Bericht der Bots sehr mager aus und die Strafe folgte in Form des Zweiten, der höchsten Steuer, die je bezahlt werden musste.
So vergingen Wochen und Monate. Pegusia, gebeutelt von der Steuer, blieb auf dem letzten Platz. Da bot ein Mann seine Hilfe an. Sein Name war Seo. Er arbeitete als Söldner. „Wir haben doch gar nichts, was wir Dir bieten könnten“, waren die Menschen verunsichert. Sie fürchteten den Mann, der das Spiel von Googela für sie gewinnen wollte. „Ich nehme die Hälfte von dem, was Ihr weniger an Steuer zahlen müsst“, lautete sein Angebot, „Ihr könnt also nichts verlieren, müsst aber meinen Anweisungen folgen.“ Die Menschen von Pegusia ließen sich auf den Handel ein.
Schon am nächsten Tag rief Seo alle Dorfbewohner zusammen. „Bindet bunte Stofffetzen an die Bäume, Hecken und Häuser. Überall sollen sie zu sehen sein.“ Die Älteren waren erzürnt: „Wir vertrauen einem Wahnsinnigen, einem Querdenker. Was sollen uns bunte Fetzen helfen?“ Seo wartete ab, bis sich die Menge beruhigte. Er wusste, dass es schwer sein würde. Der Söldner blickte den Aufrührern tief in die Augen. „Habt Ihr eine bessere Idee? Wo steht Ihr denn jetzt? Ganz am Abgrund. Also fangt an oder jagt mich aus dem Dorf.“ Drei Stunden später flatterten überall bunte Fetzen, besonders an den Wegen, die zum Dorf führten. Reisende erzählten davon, in den anderen Dörfern lachte man über Pegusia ob der Lumpen im Gestrüpp. Die Bots spitzten ihre Ohren und machten sich ein Bild von dem farbenfroh geschmückten Bäumen und Häusern: „Majestät, Pegusia ist in aller Munde.“ Googela nahm die Tafel mit dem Namen des Dorfes und setzte sie zwei Positionen nach oben. Die gute Nachricht erreichte Pegusia schon am nächsten Tag.
Seo hatte viele Ideen und die anfänglichen Zweifel verflogen langsam. Er ließ die Kinder ein Lied singen. Ein Lied zu Ehren von Googela. Damit alle es hörten, luden die Dorfbewohner die Nachbarn ein und schlachteten für das Fest zwei Schweine. Die nächsten Wochen hörte man überall nur von dem Gelage und dem Lied. Das entging auch den Bots nicht. Pegusia war plötzlich nicht mehr das kleine Dorf, das niemanden interessierte, sondern stieg Platz für Platz im Ranking. Auch die neuen Wegweiser, die Seo von den Handwerkern aus Pegusia in den anderen Orten aufstellen und bezahlen ließ, verfehlten ihre Wirkung nicht.
Die Konkurrenz merkte alsbald, dass sie mehr unternehmen musste. Auch sie stellten Hinweisschilder auf, luden zu Spielen und Feiern. Es war ein steter Wettstreit, der von vielen fair geführt wurde, wenngleich es um die Steuer ging. Seo, der Söldner, war dabei vielen ein Vorbild. Hatte er es doch geschafft, Pegusia aus der Bedeutungslosigkeit zu reißen.
Einigen Dörfern ging es nicht schnell genug, näher an die Spitze von Googelas Ranking zu kommen. Sie versuchten mit aller Gewalt, von sich Reden zu machen. Das gelang ihnen auch, aber nicht mit dem erhofften Erfolg. Sie schickten Artisten aus dem weit entfernten Königreich Spamburia in die übrigen Dörfer. Nur gefiel es den Menschen schon nach kurzer Zeit nicht mehr, wenn Clowns mit gekochten Schinken jonglierten und sie jeden Tag von der Arbeit abhielten. Als sich dann auch noch herausstellte, dass die Spamburianer die Dörfer beraubten, hörten die Bots nur noch Schlechtes über den Ort, der die Artisten beauftragt hatte. Googela war empört und schickte alle Bewohner des Dorfes in den Sandkasten – eine schlimmere Strafe als die hohe Steuer.
Das Ranking und die täglichen Berichte ihrer Bots machten der Königin Spaß. Sie erheiterte es, wie sehr sich die Dörfer bemühten. Das sollte belohnt werden. Die Steuer wurde nicht mehr davon abhängig gemacht, an welcher Stelle ein Dorf stand, sondern war für alle gleich. Der Sandkasten als Strafe für unfaires Spiel blieb. Als der königliche Beschluss in den Dörfern verlesen wurde, hallte ein Jubelschrei über das gesamte Land. Seo, der Söldner war inzwischen ein gefragter Mann. Er half vielen Dörfern, sich im Ranking von Googela zu verbessern. Schließlich brachte ein guter Platz mehr Besucher und damit mehr Geld für das Dorf.
„Ihr seht, Seo hat uns auf den richtigen Weg gebracht und viele Dörfer von der Last hoher Steuern befreit“, schlossen die Dorfältesten die Geschichte von Seo, dem Söldner. Auf die Frage, wie er es denn angestellt hat, antworteten sie mit einem Lächeln: „Das weiß keiner. Seine Strategie hat er niemandem verraten, sondern immer nur wenige Hinweise gegeben. Sie werden von seinen Schülern wie ein Schatz gehütet und von Generation zu Generation weitergegeben.“
Website Boosting 2.0: Seo in der Aktentasche oder…
November 24, 2008 by Andre Massmann
Filed under Bücher, SEO
Was haben Wasserpistolen mit dem Internet zu tun?
Als ich Gerald Steffens, seines Zeichens Optimierer und Querdenker, nach einem Buch fragte, mit dem man sich grundlegendes SEO-Wissen aneignen kann, musste er nicht lange überlegen: „Website Boosting 2.0“, lautete sein Tipp. Gut, dachte ich mir. Der Titel erinnert zwar ein wenig an neonfarbene Wasserpistolen mit Zwei-Liter-Tank und Zielvorrichtung, doch das will nichts heißen. (Dass der Vergleich sogar einigermaßen zutreffend ist, merkte ich erste beim Lesen.) Also, Buch bestellt und – um es vorweg zu nehmen – die Investition von 34,95 Euro nicht bereut.
Das liegt vornehmlich daran, dass sich Mario Fischers Werk mit 800 Seiten zwar als echtes Schwergewicht präsentiert, der Inhalt aber leicht verdaulich ist. Meine größte Angst, von den Informationen rund um Suchmaschinen, Seitenoptimierung und Besucherströme kein Wort zu verstehen oder gar erschlagen zu werden, erwies sich als vollkommen unbegründet. „Schreiben Sie Ihre Texte für Otto Normalbürger“, legt der Experte seinen Lesern auf Seite 493 ans Herz und hält sich im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen aus der Fachbuchbranche durchgehend an diese Vorgabe. Manche Passagen erschließen sich vielleicht nicht auf den ersten Blick, abhängig von den Vorkenntnissen, doch spätestens beim zweiten oder dritten Lesen macht es „klick“. Dabei helfen viele Beispiele aus der Praxis, Hinweise zu nützlichen Tools sowie allerhand Grafiken und Bilder.
Mario Fischer versteht es, die komplexe Thematik zu entwirren und auf den Punkt zu bringen. Dass er dazu 800 Seiten benötigt, hat einen guten Grund. Wer meint, in wenigen Minuten eine Seite ins Netz stellen zu können, binnen zwei Wochen auf Platz eins bei den Suchmaschinen zu stehen und ein kleines Vermögen zu verdienen, dem verpasst der Autor einen herben Dämpfer. Selbst gestandenen Seitenbetreibern dürfte bei der Lektüre mehr als ein Licht aufgehen. Denn viele Facetten, die Erfolg ausmachen bzw. ausmachen können, und davon gibt es einige, wie 31 Kapitel beweisen, werden schlichtweg übersehen. Man muss die Welt – in dem Fall das Internet – mit anderen Augen sehen, mit denen der Suchmaschinen und der Nutzer. Das ist ein Fazit, das ich für mich gezogen habe.
Beschäftigt man sich ernsthaft mit dem Thema Internet und möchte mehr erreichen, als Oma und Opa auf einer eigenen Homepage Bilder vom Urlaub zu zeigen, erweist sich „Website Boosting 2.0“ als SEO in der Aktentasche. Man kann das Buch bequem mit ins Büro oder auf Geschäftsreise nehmen und hat alle Fakten zur Hand, von der richtigen Wortwahl in der Werbung über den Wert und die sinnvolle Anordnung von Links bis hin zum userfreundlichen Layout. Es ersetzt vermutlich nicht das Wissen, das sich Profis über die Jahre erarbeitet haben, hilft aber, in die richtige Spur zu kommen. Und darauf kommt es letztlich an: Selbst zu wissen, wie der Hase läuft, statt sich vom Jägerlatein der Agenturen beeindrucken zu lassen. Deshalb gehört das Buch auch nicht ins Regal, wenngleich es sich dort gebunden sehr gut macht, sondern auf den Schreibtisch. Dann hat man jederzeit die Möglichkeit, einzelne Kapitel zu studieren und direkt umzusetzen.
Wer sich jetzt fragt, was das alles mit einer neonfarbenen Wasserpistole mit großem Tank und Zielvorrichtung zu hat – ein wenig schon: Ist man nicht in der Lage, Interessenten gezielt anzusprechen und mit ordentlich Munition, sprich Information, zu halten, macht einen die Konkurrenz nass. [André Maßmann]



